Choräle

Hier finden Sie die Choräle von Paul Gerhardt mit den Nummern des Evangelischen Gesangbuches:

11        Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir?
36        Fröhlich soll mein Herze springen
37        Ich steh an deiner Krippen hier
39        Kommt und lasst uns Christus ehren
58        Nun lasst uns gehen und treten
83        Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld
84        O Welt, sieh hier dein Leben am Stamm des Kreuzes schweben
85        O Haupt voll Blut und Wunden
112      Auf, auf, mein Herz, mit Freuden nimm wahr, was heut geschieht
133      Zieh ein zu deinen Toren
283      Herr, der du vormals hast dein Land mit Gnaden angeblicket
302      Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön
322      Nun danket all und bringet Ehr
324      Ich singe dir mit Herz und Mund
325      Sollt ich meinem Gott nicht singen?
351      Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich
361      Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt
370      Warum sollt ich mich denn grämen?
371      Gib dich zufrieden und sei stille in dem Gotte deines Lebens
446      Wach auf, mein Herz, und singe dem Schöpfer aller Dinge
447      Lobet den Herren alle, die ihn ehren
449      Die güldne Sonne voll Freud und Wonne
477      Nun ruhen alle Wälder
497      Ich weiß, mein Gott, dass all mein Tun und Werk in deinem Willen ruhn
503      Geh aus, mein Herz, und suche Freud
529      Ich bin ein Gast auf Erden

 

Überblick zur Bedeutung von Paul Gerhardt

König Gustav Adolf auf dem Schlachtfeld

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Deutschland vor 350 Jahren: Der Dreißigjährige Krieg ist gerade erst zu Ende. Das Land liegt in Trümmern, ganze Landstriche sind entvölkert und verwüstet. Die Überlebenden werden von Hunger und Not geplagt. Epidemien und Seuchen raffen weiterhin Tausende Menschen hin. Marodierende Banden ziehen umher und verbreiten Angst und Schrecken. Versprengte Reste jener Söldnerheere, die Mitteleuropa in ein riesiges Schlachtfeld verwandelt hatten.

Da erscheint im Jahre 1653 ein Gedicht des Pfarrers Paul Gerhardt aus Mittenwalde bei Berlin: Geh aus, mein Herz, / und suche Freud / In dieser lieben Sommerzeit / An deines Gottes Gaben; / Schau an der schönen Gärten Zier / Und siehe, wie sie mir und dir / Sich -ausgeschmücket haben.
Zeilen eines weltfremden Traumtänzers oder blanker Zynismus? Schöpferlob in Zeiten der Apokalypse nach dem Motto „Hurra, wir leben noch“? Oder tatsächlich Trost für geschundene Seelen, Trotz gegen jede Resignation? Die Hoffnung, dass doch noch alles gut wird? Ach, denk ich, bist du hier so schön / Und lässt du uns so lieblich gehn / Auf dieser armen Erden, / Was will doch wohl nach dieser Welt / Dort in dem reichen Himmelszelt / Und güldnen Schlosse werden!

Hoffnung auf einen Gott, der den Menschen zwar kein irdisches Leid erspart, sie aber letztlich erlöst – das ist der Glauben, in dem Paul Gerhardt gegen die Depression anschreibt. Der Dichter, dessen 400. Geburtstags die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im Jahr 2007 gedenkt, hat dem Leid und der Sehnsucht seiner Zeitgenossen in einer Weise Ausdruck gegeben, die ihn überdauert hat.

Lieder für alle

Zeichnung zu "Geh aus mein Herz" von Edda Rademacher (13 Jahre)

Die bedeutendsten Kirchenmusiker seiner Zeit haben seine Verse vertont, und seine Kirchenlieder verbreiteten sich in Windeseile im deutschsprachigen Raum. Man sang sie in Straßburg und Zürich, in Kopenhagen und Amsterdam, in Breslau und Leipzig.

Es gab keine Radiostationen, keine CDs, keine Videoclips. Notenblätter kursierten. Die Menschen lernten die Lieder kennen, indem sie selbst die Strophen sangen und bald auswendig wussten. Gesungen wurde gemeinsam in den Familien und in den Kirchen.
Die Gotteshäuser waren neben den Marktplätzen die Orte der Popkultur, weil sich dort entschied, ob etwas populär wurde und jedes Kind es kannte. So darf man Paul Gerhardts Lieder getrost Popsongs nennen, nicht geschrieben für höfische Zirkel oder eine intellektuelle Avantgarde – es sind Lieder für alle.

Vergleiche mit der Gegenwart sind schwierig. Aber es ist nicht übertrieben, wenn man die Texte Gerhardts in ihrer Bedeutung neben „We Shall Overcome“, neben „Let It Be“ oder „Yesterday“ von den Beatles, Bob Dylans „Blowin’ in the Wind“ oder Bob Marleys „No Woman, No Cry“ stellt. Ja, es ist zweifelhaft, ob diese Songs auch nach 300 Jahren noch standhalten werden, wie es Paul Gerhardts „O Haupt voll Blut und Wunden“, „Geh aus, mein Herz“ und „Ich steh an deiner Krippen hier“ vermögen.

Viel hat Gerhardt nicht geschrieben, 139 deutschsprachige Gedichte von ihm sind überliefert. Sein Leben verlief in verhältnismäßig ruhigen Bahnen.
„Zum Glück“ habe „der fromme Gerhardt frühzeitig in seine Kammer gefunden“, schreibt Günter Grass in seiner Erzählung „Das Treffen in Telgte“. Grass schildert darin eine fiktive Zusammenkunft großer deutscher Dichter im Jahre 1647, kurz vor dem Ende des -großen Krieges. Während einige Poeten durchaus über die Stränge schlagen und mit den Mägden ins Heu gehen, beschreibt Grass Paul Gerhardt als frommen, verklemmten Wunderling. Ob er ihn damit richtig charakterisiert, muss aufgrund der sehr spärlichen Quellenlage über Gerhardts Leben offen bleiben. Tatsache aber ist, dass die meisten der anderen Dichter, die Grass auftreten lässt, heute vergessen oder nur noch Spezialisten bekannt sind.

Wirkung

Zeichnung zu "Nun ruhen alle Wälder" von Egbert Herfurth

Paul Gerhardts ewige Ballade vom guten Ende – allen Widrigkeiten zum Trotz – klingt alterslos frisch aus den Chorälen, auch wenn einige seiner leidensverliebten Passionsstrophen heutige Menschen verwirren.

Die Kraft seiner Sprachbilder trägt auch im Zeitalter des Rap. Gerhardts fromme Verse frömmeln nicht, weil sie existenziell bedeutsam sind. Günter Grass hat dafür ein Gespür: Er schildert im „Treffen von Telgte“, dass einige besonders schlimme „Saufbrüder“ unter den Dichtern einmal begonnen hatten, „den allzeit würdigen Gerhardt zu hänseln“, aber dass dieselben dann von seinem Abendlied „Nun ruhen alle Wälder“ ganz hingerissen waren.

 

Gerhardts Lieder, die schon zu seinen Lebzeiten dank seiner musikalischen Freunde Johann Crüger und Johann Georg Ebeling vollständig mit Melodie erschienen, behaupteten sich widerspenstig, als sich Mitte des 18. Jahrhunderts, fast hundert Jahre nach Gerhardts Tod, Theologen der Aufklärung daran machten, die angeblich antiquierten Texte zu verbessern. Bei der Einführung neuer Gesangbücher in Preußen protestierte das Volk. An einigen Orten kam es sogar zu tumultartigen Szenen.
Friedrich der Große verzichtete auf eine zwangsweise Durchsetzung der neuen Lieder. Er selbst hatte für Gerhardts Abendlied zwar nur Spott übrig, pochte aber auf Toleranz: „Ein jeder kann bei mir glauben, was er will, wenn er nur ehrlich ist. Was die Gesangbücher angeht, so stehet einem Jeden frei, zu singen: 'Nun ruhen alle Wälder’ oder dergleichen dummes und törichtes Zeug mehr.“

 

Bertolt Brecht reizte Gerhardts poetische Gottergebenheit zum Widerspruch. Er parodierte in seinen „Hitler-Chorälen“ den frommen Dichter: Befiehl du deine Wege / O Kalb, so oft verletzt / Der allertreusten Pflege / Des, der das Messer wetzt! / Der denen, die sich schinden / Ein neues Kreuz ersann / Der wird auch Wege finden / Wie er dich schlachten kann.
Und der im Sommer 2006 an Krebs verstorbene Robert Gernhardt, der mit seiner Chemotherapie haderte, dichtete zuletzt auf Gerhardts Spuren: Geh aus mein Herz und suche Leid / in dieser lieben Sommerszeit / an deines Gottes Gaben. / Schau an der schönen Gifte Zier / und siehe, wie sie hier und mir / sich aufgereihet haben.

 

Selbst die Parodie bestätigt die große Kraft der Gerhardt’schen Texte. Noch immer sind sie eine Hilfe für Menschen, die letzte Daseinsfragen umtreiben. Die Ballade vom guten Ausgang aller Dinge, trotz Leid, trotz Teufel, Tod und Hölle, klingt auch im 21. Jahrhundert weiter. Für die edition chrismon Grund genug, den Poeten der Hoffnung mit einer großen Werkausgabe und einer Einspielung seiner Lieder zu würdigen.

 

Reinhard Mawick