Choräle

Hier finden Sie die Choräle von Paul Gerhardt mit den Nummern des Evangelischen Gesangbuches:

11        Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir?
36        Fröhlich soll mein Herze springen
37        Ich steh an deiner Krippen hier
39        Kommt und lasst uns Christus ehren
58        Nun lasst uns gehen und treten
83        Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld
84        O Welt, sieh hier dein Leben am Stamm des Kreuzes schweben
85        O Haupt voll Blut und Wunden
112      Auf, auf, mein Herz, mit Freuden nimm wahr, was heut geschieht
133      Zieh ein zu deinen Toren
283      Herr, der du vormals hast dein Land mit Gnaden angeblicket
302      Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön
322      Nun danket all und bringet Ehr
324      Ich singe dir mit Herz und Mund
325      Sollt ich meinem Gott nicht singen?
351      Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich
361      Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt
370      Warum sollt ich mich denn grämen?
371      Gib dich zufrieden und sei stille in dem Gotte deines Lebens
446      Wach auf, mein Herz, und singe dem Schöpfer aller Dinge
447      Lobet den Herren alle, die ihn ehren
449      Die güldne Sonne voll Freud und Wonne
477      Nun ruhen alle Wälder
497      Ich weiß, mein Gott, dass all mein Tun und Werk in deinem Willen ruhn
503      Geh aus, mein Herz, und suche Freud
529      Ich bin ein Gast auf Erden

 

„Eine Mischung aus Fremdheit und Faszination“

Am 7. März stellten Petra Bahr, die Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland und Pfarrer Christhard-Georg Neubert, Direktor der kirchlichen Kulturstiftung St. Matthäus (Berlin), in der Berliner Nikolaikirche das Buch „Ein Gast auf Erden – Annäherung an Paul Gerhardt“ vor.

Das Buch enthält neben zahlreichen Paul-Gerhardt-Texten und einem Essay über Leben und Wirkung Paul Gerhardts aus der Feder von Petra Bahr, Gedichte moderner Lyrikerinnen und Lyriker sowie Arbeiten bildender Künstler von heute. Das aufwändig gemachte Buch hat 140 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und kostet 29,90 Euro. Es kann über den shop bestellt werden.
chrismon-Redakteur Reinhard Mawick sprach mit Petra Bahr über die Bedeutung Paul Gerhardts für heute und das Buch „Ein Gast auf Erden“.

 
In diesen Tagen und Wochen um den 400. Geburtstag Paul Gerhardts gibt es eine Menge Veranstaltungen, eine Menge Trubel. Aber mal ehrlich, Frau Bahr: Ist Paul Gerhardt ein ernst zu nehmender Dichter wie es zum Beispiel Goethe oder Schiller waren? Er hat doch nur Kirchenlieder geschrieben.

Paul Gerhardt hat auch andere Gedichte geschrieben, Gedichte bei Gelegenheit, wie es in seiner Zeit üblich war. Aber Sie haben recht. Wir kennen nur seine geistlichen Lieder. Aber was heißt „ernst zu nehmend“? Paul Gerhardt ist bis heute einer der bekanntesten deutschsprachigen Dichter überhaupt. Und das ist auf jeden Fall Grund genug, sich überhaupt an ihn zu erinnern. Im übrigen  könnte man sich diese Frage auch in Bezug auf die Gebrüder Grimm stellen. Ist das nun hohe Literatur oder nicht? Diese Frage aber stellen sich keine Mutter und kein Vater, die abends am Bett ihren Kindern die schönen Grimm’schen Märchen vorlesen. Vielleicht ist das eines der Geheimnisse von Paul Gerhardt: Die Literaturwissenschaftler finden ihn interessant und ganz normale Menschen lieben seine Texte trotzdem.

Warum ist Gerhardt so populär geblieben und von vielen seiner barocken Kollegen kennt man nicht mehr ihre Namen, es sei denn, man ist Spezialist?

Das ist, wie so oft, nicht zuletzt eine Frage künstlerischer Qualität. Paul Gerhardt beherrscht die Verseschmiedekunst des Barocks perfekt, aber er wird deshalb nicht verwechselbar, weil er so souverän mit den Regeln der barocken Dichtung umgeht, dass man die Künstlichkeit gar nicht merkt. Paul Gerhardts Texte wirken bis heute sehr natürlich und alltagsbezogen, und so schlicht und einfach, dass sie wie ein Volkslied daherkommen. Nur selten sind sie artifiziell. Wenn man aber genauer hinschaut, sind Gerhardts Texte sehr anspruchsvolle Barocklyrik. Aber er prahlt nicht vordergründig damit, wie großartig er dichten kann, er macht kein poetisches Schaulaufen. Neben die künstlerische Qualität tritt bei ihm der religiöse Tiefgang. Gerhardt ist Theologe, und doch wirken seine Texte nie pädagogisch. Die religiöse Aussage drängt sich nicht auf, sie ist „wohltemperiert“ und kann deshalb noch bis heute auch unsere religiösen Fragen erschließen.

Ist Paul Gerhardt heute nur noch für Menschen wichtig, die explizit christlich sind? Schließlich strotzen seine Lieder ja vor Gottvortauen. Wem Gott nichts bedeutet, dem bedeuten doch auch seine frommen Worte nichts und seien sie auch noch so geschickt gereimt, oder?

Es ist bemerkenswert dass viele Menschen, die von sich sagen, dass sie mit der Kirche gar nichts anfangen können, sich trotzdem von Paul Gerhardt „anfassen“ lassen. Viele Menschen erinnern sich an Paul-Gerhardt-Lieder, obwohl sie nie in die Kirche gehen. Ich denke, viele haben sie in ihrer Kindheit noch gehört und verbinden mit „Geh aus, mein Herz“ und „Nun ruhen alle Wälder“ oder mit „Befiehl du deine Wege“ Kindheitserinnerungen, zum Beispiel an die Mutter oder Großmutter, die diese Lieder am Bett noch gesungen haben.
Dann gibt es auch viele Menschen, die Paul Gerhardt schätzen, ohne zu wissen, dass es sich um Texte von Paul Gerhardt handelt. Damit meine ich alle leidenschaftlichen Hörer der Musik Johann Sebastian Bachs. Wenn sie im Konzert, im Wohnzimmer oder nachts auf der Autobahn die Passionen von Bach hören, dann hören sie auch Texte von Paul Gerhardt und lassen sich von seinen Worten berühren. Damit „schleicht“ sich Paul Gerhardt auch in kulturelle Milieus ein, in denen man eigentlich nicht fromm sein will, oder zumindest nicht besonders kirchlich, weil religiöse Bedürfnisse und Stimmungen ganz im Intimen bleiben.

Überspitzt formuliert könnte man sagen, dass die meisten Paul-Gerhardt-Lieder ein „Happy end“ haben, am Ende singt Gerhardt meist die „Ballade vom guten Ausgang im Himmel“? Kann diese barocke Lyrik uns heute noch trösten?

Bis zu den letzten Strophen „vom guten Ausgang“ kommen wir ja heute leider meist gar nicht mehr, weil meist nur die ersten vier Strophen gesungen werden. Der Klassiker „Geh aus, mein Herz“ endet häufig bei Strophe 8 („Ich selber kann und mag nicht ruhn“), höchstens wird noch die Strophe 14 eingeklinkt („Mach in mir deinem Geiste Raum, das ich dir wird ein guter Baum). Wer singt denn noch die letzte Strophe, in der es heißt: „Erwähle mich zum Paradeis . . .?“ Dieses Strophen-Weglassen mag auch zum Erfolg von Paul Gerhardt in säkularen Milieus beigetragen haben. Man labt sich an dem Ton von Lebensangst und Unsicherheit und mag auch die Sehnsucht nach Geborgenheit, aber die glaubensgewisse Antwort Paul Gerhardts wird gar nicht mehr gesungen. „Geh aus mein Herz“ kommt als fröhliches Volkslied daher. Und ob der liebe Gott im Himmel diese Welt vorzeiten schon geordnet hat und uns am Ende aufnimmt, das mag man dann doch nicht mehr singen. Da kommt dann der große Glaubenszweifel auch gar nicht erst auf, aber die schöne Antwort von der Erwählung zum Paradeis eben auch nicht. Wie dem auch sei: Ich glaube, Paul Gerhardt ist auch durch eine Mischung aus Fremdheit und Faszination für viele Menschen attraktiv. Denn sie erwarten von der religiösen Sprache etwas, auch wenn sie gar nicht religiös sind. Sie wollen trotzdem, dass heute auch zur Sprache kommt, dass es eine andere Dimension des Lebens gibt. Sie wollen ja nicht nur über Feld, Wald und Wiesen reden. Sie erwarten von religiösen Liedern einen „Sound vom Himmel“, selbst wenn sie ihn in sich selbst gar nicht mehr zum Klingen kommen lassen.

Nehmen wir einen zweiten Klassiker „Befiehl Du Deine Wege und was Dein Herze kränkt“: Dieses Lied ist von einer grandiosen Überzeugung getragen, die viele moderne Menschen so ungebrochen nicht mehr nachvollziehen können. Dass nämlich Gott unser Leben in den Händen hält und alles, aber auch wirklich alles, trotz sinnlosen Leidens und unfassbarer Ereignisse, zum Guten lenkt. Das ist eine ziemliche Zumutung, aber ohne die ist Paul Gerhardt nicht zu haben.

Viele moderne Zeitgenossen sind ja permanent damit beschäftigt, ihr Leben selbst zu erfinden, weil sie nichts und niemandem mehr trauen. Diese „Egobastelei“ ist wahnsinnig anstrengend und ziemlich abgründig. Da ist Paul Gerhardt dann mit seinen Liedern zur Stelle, und ich glaube, ihre Stärke liegt gerade darin, dass man ihnen auch folgen kann, wenn man ihnen noch nicht ganz traut. Sie sind, wenn man so will, Glaubensverstärker, die Töne in uns erzeugen, die wir selbst gar nicht mehr hören konnten.

In dem Buch, das Sie mit zusammen mit Christhard-Georg Neubert herausgegeben haben, kommen Dichter von heute zu Wort, unter anderem der vor wenigen Monaten verstorbene Robert Gernhardt. Der hat ja nun auf den ersten Blick so gar nichts Christliches an sich. Ist das nicht eine Persiflage?

Robert Gernhardt ist in der Tat ein bekennender Zweifler an der „Ballade vom guten Ausgang“. Gleichwohl hat er sich Zeit seines Lebens und ganz besonders am Ende seines Lebens an den Paul Gerhardts Liedern gerieben. Aber bei ihm war es keine Abwehr und keine reine Persiflage, sondern ich denke, sein Werken mit Gerhardt ist eine permanente Auseinandersetzung mit der Frage, wieso er diesen guten Ausgang für sich selbst nicht finden kann. Gernhardts späte Gedichte gehen so unter die Haut, weil er es eben nicht lassen kann, sich mit dem auseinander zu setzen, was Paul Gerhardt glaubt und was er selber nicht mehr glauben kann. Sein kurzes Gedicht „Trotz“ ist dafür ein gutes Beispiel:

Robert, auch du Armerchen,
dein Gott ist kein Erbarmerchen,
dein Gott ist eine Geißel.
Drum, Robert, stell den Jammer ein.
Dein Gott will dir ein Hammer sein?
Dann sei ihm, Robert, Meißel.

Wenn man solche Verse liest, dann wird einem klar, dass Paul Gerhardt nicht nur zeitloser Tröster und Beschwichtiger ist, sondern für viele auch ein Ärgernis. Aber gerade das ist die Aufgabe guter Kunst: dass sie uns nicht in Ruhe lässt. Bei Paul Gerhardt geschieht das aus dem Geist der Kraft, die höher ist als alle Vernunft.

Sie haben in Ihrem mit Christhard-Georg Neubert herausgegebenen Buch heutige Künstlerinnen und Künstler animiert, sich dem ‚Phänomen Paul Gerhardt’ zu nähern. Welche Ergebnisse haben Sie besonders überrascht?

Es war ein Experiment. Wir wollten wissen, ob Paul Gerhardt Künstler von heute immer noch affiziert. Oder ob es nur der fromme Wunsch des Direktors der kirchlichen Kunststiftung St. Matthäus und der EKD-Kulturbeauftragten ist, dass es noch jemanden anderen als Martin Luther aus der Gilde der großen Protestanten gibt, für den sich Künstler entflammen lassen. Ein ziemlich heikles Experiment, denn wir mussten ja damit rechnen, dass uns viele Künstler die kalte Schulter zeigen und sagen: „Wie bitte, Paul Gerhardt, wer ist das denn?“ Der große Zuspruch und die Lust, sich auf dieses Projekt einzulassen, hat uns überrascht und beglückt! Friederike Mayröcker, die große alte Dame der deutschsprachigen Literatur, hat unsere Anfrage bekommen, und drei Tage später lag ihre Auseinandersetzung mit Paul Gerhardt auf dem Schreibtisch. Ein Gedicht, das sie nachts, sofort nach Erhalt unserer Anfrage, geschrieben hat.

Neben Friederike Mayröcker sind ja auch Künstlerinnen und Künstler der jüngeren Generation vertreten. Wie kann man heute noch auf den Spuren Paul Gerhardts dichten?

Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich. Es gibt Lyriker – zum Beispiel Durs Grünbein – die selber in ihrer Kunst eine heimliche Nähe zum Barock haben. Daneben gibt es aber auch den Respekt vor den Fragen und Inhalten, die Paul Gerhardt bewegt haben. Das merkt man bei Esther Dischereit, einer jüdischen Lyrikerin, die sich auf diese Weise mit dem Lyriker auseinandersetzt, der sich ja wie kein anderer mit Tod und Tränen auseinandergesetzt hat. Ihr Gedicht „Eine jüdische Kinderseele soll evangelisch werden“ geht einem unter die Haut. Wieder anders geht Christian Lehnert mit dem Dichter um. Er kommt Paul Gerhardt auf eine Weise am nächsten, weil er auch ein „Dichterpfarrer“ aus Sachsen ist. Er versucht auf ganz starke Art Gerhardt so zu folgen, dass er dessen Spuren aber ständig ausweichen muss. Er dichtet Lieder, die man auf die originalen Melodien singen kann. Trotzdem merkt man, wenn man das tut, dass dies ganz radikal-moderne Texte sind. Außerordentlich interessant sind auch die Ergebnisse der bildenden Künstler. Drei von ihnen, Harald Gnade, Mark Lammert und Volker Stelzmann, setzen sich mit den Passionssalven auseinander. Das sind sieben Passionschoräle, darunter das berühmte „O Haupt voll Blut und Wunden“. Das sind ja wahrhaft augenfällige Gedichte Gerhardts. Er wandert mit seiner Sprache den leidenden Leib Christi ab, in aller Einzelheit, wie mit einer tastenden Hand. So kommt eine bedrückende Sinnlichkeit zurück in die Passion, die ja oft etwas Abstraktes, „Statementhaftes“ bekommt. Und die Gegenwart mit Ihren Bildern und Zeichen spielt in die Auseinandersetzungen der Künstler immer mit hinein.

Gerade diese Passionslieder sind doch dem modernen Menschen sehr fremd, ja zuweilen wirken sie sogar abstoßend. Warum beschäftigen sich die Künstler damit?

Die Künstler haben erspürt, dass mit dem Bild des leidenden Christus eine Grundszene des Christentums, ja vielleicht sogar für leidende Menschen überhaupt gemeint ist. Und wenn man Leidensbilder von heute im Kopf hat, seien es die Gefolterten von Abu-Ghraib oder von anderswo, dann hat man letztlich lauter „O Haupt voll Blut und Wunden“ vor Augen. Bis in die Gegenwart ist die Kunst das Christusbild nie losgeworden. Es war immer Anlass zur Auseinandersetzung. Deswegen hat es Sinn, dass bildende Künstler sich an diesem Bild des Gefolterten aufreiben und damit auseinandersetzen und gleichzeitig der Erinnerungsspur, die diese Passionsbilder in unserer Bildgeschichte haben, folgen und sie weiter entwickeln. Das barocke Passionsverständnis gibt der Einbildungskraft des Menschen einen großen Raum. Damals war man bestrebt durch die Meditation vor Bildern des leidenden Christus ein Mitleiden, also eine Passion des Betrachters entstehen zu lassen. Christus am Kreuz sollte man sich nicht auf Distanz halten. Eine leidenschaftliche Verbindung zwischen dem Menschen, der sich dieses Bild anguckt und dem Bild selbst konnte so entstehen. So rückt das Christusbild nicht nur bis unter die eigene Netzhaut, es lässt auch andere Bilder verblassen, die wir uns von der Welt und uns so gemacht haben. Das kann auch heute dazu verhelfen, diese Bilderflut zu unterbrechen, unter der wir häufig alle leiden. Das Barock war ziemlich bildversessen. Und diese Bilder waren in der Regel eher brutal. Es waren Bilder von Krieg, Zerstörung und Leiden. Da ist die Barockzeit unserer Videoclipwelt ganz nahe. Ich habe den Eindruck, dass unsere bildenden Künstler diese Kraft, aber auch diese Abgründigkeit dieser Bilder im Barock ganz gut mit ihrer gegenwärtigen Bilderauffassung verbinden können.

Glauben Sie, dass das neue Interesse an christlicher Tradition, das sich im Moment auch speziell an Paul Gerhardt zeigt, etwas zu tun hat, mit der angeblichen „Wiederkehr der Religion“?

Diese angebliche „Wiederkehr der Religion“ ist eine komplizierte Angelegenheit. Denn das was wiederkehrt war ja schon mal da. Ich bin skeptisch, ob wir es mit Phänomenen der Wiederkehr zu tun haben. Ich glaube aber durchaus, dass mit steigender Verunsicherung und der neuen Gegenwart einer fremden Religion, des Islam, auch die Frage nach den eigenen christlichen Wurzeln drängender geworden ist. Ebenso wächst das Bedürfnis nach Ritualen, nach Räumen des Erhabenen und nach traditionellen Lebensformen. Natürlich gibt es auch ein neues Interesse an der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Alltagsphänomenen der Religion. Das liegt nicht zuletzt daran, dass vielen Menschen die Orientierung an reinen psychologischen Befindlichkeiten und zwischenmenschlichen Beziehungskisten nicht mehr erfüllt und ebenso wenig das selbstbezügliche Spiel mit Zeichen, Formen und Bildwelten in den Medien, in der Literatur, auf der Bühne und in den Ateliers. Überall brechen wieder radikale Fragen nach dem Menschsein auf. Und es gibt nicht mehr dieses totale Tabu, dass alles unter Verdacht stellt, was mit Kirche und Religion zu tun hat. Diese vorbehaltlose Neugier ist durchaus produktiv. Gleichzeitig gibt es auch ein neues Interesse an Tradition, das sich aber auch daraus speist, dass viele merken, dass von dieser Tradition möglicherweise bald nicht mehr viel existieren wird. Man sollte aber die Wiederkehr des Themas der Religion nicht mit einer neuen Hinwendung zu den Kirchen verwechseln. Aber es gibt eine große Chance, nach dem Ende der allgemeinen Religionsfeindlichkeit, die vor allem unter Intellektuellen schick war, den Glauben wieder ins Spiel zu bringen. Doch momentan ist völlig unklar, in welche Richtung sich das neue Interesse an der Religion entwickelt.

Sie haben „400 Jahre Paul Gerhardt“ in Ihrem beginnenden zweiten Jahr als Kulturbeauftragte der EKD zum großen Thema erkoren. Welches Ziel verfolgen Sie damit?

Das Paul-Gerhardt-Jahr 2007 hat sich angeboten, es legte sich mir gleichsam „vor die Füße“. Meine Aufgabe als Kulturbeauftragte ist es, den christlichen Glauben im Raum der Künste und der Kultur ins Gespräch zu bringen. Umso schöner, wenn ich einmal nicht nur auf Anfragen reagieren muss, sondern gewissermaßen auch mal programmatisch tätig werden kann. Gedenkjahre sind da eine gute Möglichkeit, nicht nur, um an einen großen Protestanten zu erinnern, der unsere Kultur vierhundert Jahre geprägt hat, sondern auch, um daran anschließend Fragen an die Zukunft zu stellen. Häufig bestimmt das tagesaktuelle Geschäft die Themen, wie zum Beispiel vor einigen Monaten beim so genannten „Karikaturenstreit“.  Beim Thema Paul Gerhardt geht es möglicherweise auch mal umgekehrt. Ich denke, es lohnt sich, wenn wir es als Kirche gemeinsam feiern, inszenieren und ganz besonders auch für die öffnen, die nicht schon immer kirchlich sind. Das Buch und die daraus resultierende Wanderausstellung sind ein erster Schritt und ein Versuch.