Choräle

Hier finden Sie die Choräle von Paul Gerhardt mit den Nummern des Evangelischen Gesangbuches:

11        Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir?
36        Fröhlich soll mein Herze springen
37        Ich steh an deiner Krippen hier
39        Kommt und lasst uns Christus ehren
58        Nun lasst uns gehen und treten
83        Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld
84        O Welt, sieh hier dein Leben am Stamm des Kreuzes schweben
85        O Haupt voll Blut und Wunden
112      Auf, auf, mein Herz, mit Freuden nimm wahr, was heut geschieht
133      Zieh ein zu deinen Toren
283      Herr, der du vormals hast dein Land mit Gnaden angeblicket
302      Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön
322      Nun danket all und bringet Ehr
324      Ich singe dir mit Herz und Mund
325      Sollt ich meinem Gott nicht singen?
351      Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich
361      Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt
370      Warum sollt ich mich denn grämen?
371      Gib dich zufrieden und sei stille in dem Gotte deines Lebens
446      Wach auf, mein Herz, und singe dem Schöpfer aller Dinge
447      Lobet den Herren alle, die ihn ehren
449      Die güldne Sonne voll Freud und Wonne
477      Nun ruhen alle Wälder
497      Ich weiß, mein Gott, dass all mein Tun und Werk in deinem Willen ruhn
503      Geh aus, mein Herz, und suche Freud
529      Ich bin ein Gast auf Erden

 

Darf der Herr Jesus abends noch Kuchen haben?

"Breit aus die Flügel beide ,oh Jesu, meine Freude, und nimm Dein Küchlein ein! Will Satan mich verschlingen, so laß die Englein singen: Dies Kind soll unverletzlich sein."
In der frühsten Zeit des Lebens, als Silbenfolgen noch zur Nachahmung reizten und die Worte keinen Sinn ergeben mußten, wurde ein kleines Mädchen Abend für Abend mit diesem Lied von Paul Gerhardt über die heikle Schwelle des Schlafes getragen. Die Stimmen von Vater und Mutter verbanden sich zu einem stabilen Melodiegeländer. Das erleichterte den Weg in die unheimliche Nacht. „Dies Kind soll unverletzlich sein.“  

Bis heute weiß ich nicht mit Sicherheit, ob ich vor der zweiten Strophe schon eingeschlafen bin oder ob es nur die erste Strophe dauerhaft bis in meine frühste Erinnerung schaffte. Viele Jahre später belehrten mich Pädagogen mit hochgezogener Augenbraue, dass die letzten beiden Strophen des Abendliedes „Nun ruhen alle Wälder“ des barocken Dichters als Gute-Nacht-Gesang für kleine Kinder nicht geeignet seien. Zu düster, zu bedrohlich, mit schädlichen Nebenwirkungen für die kindliche Einbildungskraft. Als hätten die Jüngsten noch keine Ahnung von der Nachtseite der Welt. In meiner Generation zogen deshalb die abendlichen Englein ihre Kreise über vielen Gitterbettchen schon unbehelligt von „Satans Schlingen“. Doch in den Hügeln des Sauerlands hielt man viel auf Tradition und nicht so viel von forschen Korrekturen am Generationenvermächtnis. Waren nicht Eltern und Großeltern schon mit den gleichen Versen sicher und getröstet eingeschlafen?  

Für mich sind diese gereimten Sätze immer noch ein Zauber gegen das Unbekannte, das in der Dämmerung des Kinderzimmers lauert - unveräußerliche Momente der Geborgenheit und des Zutrauens, Momente, die man mit Fug und Recht als frühste religiöse Erfahrung bezeichnen könnte. Auch die erste religiöse Frage meines Lebens wirft Paul Gerhardt auf.

Ein paar Jahre später. „Breit aus die Flügel beide“ gehört immer noch zum Abendprogramm, so selbstverständlich wie das Zähneputzen. Doch weil die Worte langsam Bedeutung gewinnen und sich in der Sprachwelt der Erwachsenen lauter Rätsel und Labyrinthe auftun, hängt überm Bett neben der wohligen Vertrautheit auch eine Irritation. Es will mir einfach nicht in den Kopf, warum der Herr Jesus abends noch Kuchen haben darf. Für die zweifelnde Kinderseele war nicht der Gegenspieler Gottes das Problem. Eine andere Stelle im Lied war anstößig. Wie konnte es sein, dass Jesus in dem Lied „sein Küchlein einnehmen“ soll, wo doch jeder weiß, dass abends keine Süßigkeiten mehr gegessen werden dürfen? Die Frage habe ich niemals laut gestellt. Sie wäre mit rudimentärem Elternwissen über die barocke Lust an der Verkleinerungsform leicht zu beantworten gewesen. Ein kleines Küken, das sich unter das sichere Gefieder der Mutter rettet, dieses Bild für Gottes Schutz hätte mir ohne weiteres eingeleuchtet. Indes, das Rätsel blieb ungelöst. Und mit der Zeit hing das kleine Mädchen an seiner klammheimlichen Empörung wie an dem gesamten abendlichen Ritual.  

Noch heute bringt das Lied meine Seele zum Schwingen. "Alles wird gut."  Wenn Paul Gerhardt mich in seinen Liedern dem guten Weltberater anvertraut, der es schon wohl machen wird, dann ist das keine billige Formel, sondern ein trotziges Bekenntnis des Glaubens gegen all die Ängste und Mutlosigkeiten, mit denen ich sonst Abend für Abend in einen unruhigen Halbschlaf fallen würde. An besonders harten Tagen singe ich mich so immer noch in den Schlaf.

Petra Bahr, Kulturbeauftragte der EKD